Leseprobe

Kapitel 5

Nach sieben Stunden Fahrt erreichten wir am frühen Nachmittag aufatmend unser Domizil am Stadtrand von Remscheid. Hermann hatte während der ganzen Zeit, dicht an meine Frau gekuschelt, auf dem Rücksitz unseres Autos geschlafen. Mit den Worten: „Das wird mal ein guter Autofahrer“, stiefelte ich mit ihm durchs Treppenhaus ins prallgefüllte Wohnzimmer. Unter der Regie meiner Frau war hier ein Hundeparadies entstanden. Von Quietschente, Quietschball und Gummiknochen bis hin zur Schmusedecke war alles vorhanden. Das bemerkte auch Hermann im Handumdrehen und machte sich sofort daran, durch heftiges Strampeln aus meinen Armen auf den Boden zu gelangen. Lachend stellte ich ihn auf die Beine: „So, mein Freund, das ist dein neues Zuhause, ich hoffe, es gefällt dir.“ Und wie es ihm gefiel, kaum dass er den Boden berührt hatte, rannte er auch schon los, mitten hinein ins Hundeparadies. Jedes einzelne Spielzeug wurde gründlich unter die Nase genommen, danach auf Bissfestigkeit geprüft und dann zum Schluss in hohem Bogen durch die Luft geschleudert. Der Textilknoten erfuhr eine ganz besondere Behandlung. Hermann packte ihn mit seinen kleinen spitzen Zähnen wie einen Gegner im Nacken, schüttelte ihn fürchterlich und schmetterte ihn danach mit grimmigem Brummen zu Boden. Leider hatte er bei dieser Aktion seine eigene Standfestigkeit auf den glatten Steinfliesen unterschätzt. Das Gleichgewicht verlierend und somit der Schwerkraft folgend, landete er, mit kläglichem Geschrei und in der Luft zappelnden Beinen, auf dem Boden der Tatsachen. Diese Szene war so amüsant, dass ich lauthals lachend Hermann wieder auf die Beine stellte, voll Neugier darauf, was er als Nächstes anstellen würde. Weit gefehlt, das für ihn negative Erlebnis hatte sich wohl auf seine Kreativität ausgewirkt. Mit einem verächtlichen Seitenblick auf den am Boden liegenden „Gegner“ stolzierte er, einen reichlichen Sicherheitsabstand einhaltend, zu seiner Schmusedecke, ließ sich darauf fallen und war in weniger als 2 Sekunden eingeschlafen. So verging der erste Tag.

Der nächste Morgen sah uns schon zeitig beim Tierarzt. Die erste Untersuchung stand an, außerdem wollten wir uns über optimale Welpenernährung, Futterzusätze und Aufbaustoffe wie Calcium, Eiweiß usw. informieren. Mit einem: „Du bist ein Prachtkerl, mein Freund, und kerngesund“, verließen wir eine halbe Stunde später aufatmend die Tierarztpraxis. So ganz nach dem Motto: ‚Ist der Hund gesund, freut sich der Mensch‘, hatte uns Dr. Jessen einen Speiseplan aufgestellt, der vor Vitaminen und gesunden Zusätzen nur so strotzte. Wir hatten bisher nur einen Hund aufgezogen, unseren bis heute unvergessenen Balou. Das war allerdings schon 17 Jahre her, eine lange Zeit, in der, was die Aufzuchtsphase betraf, vieles in Vergessenheit geraten war. Wir wollten alles richtig machen.

Als nächste Maßnahme stand das Knüpfen sozialer Kontakte zwischen Hermann und seiner neuen Umgebung an. Ein kurzer Blick in die Tagespresse informierte uns über Welpenspielkurse, die der hiesige Tierschutzverein auf seinem Gelände in Lennep an der Schwelmer Straße anbot. Das war nichts anderes als „Krabbelgruppe“ auf vier Pfoten, so dachten wir, und meldeten uns noch am selben Tag dort an. Beim Betreten des Geländes zählten wir 8 Hundebabys in verschiedenen Größen, bis zu 3 Monaten jung, die sich vorsichtig und zurückhaltend gegenseitig musterten. Das änderte sich schlagartig, als wir mit Hermann das Terrain betraten. Meine gemurmelten Worte: „Ring frei zur ersten Runde“, muss er wohl voll verstanden und dementsprechend auch mental umgesetzt haben, denn kaum verspürte er das Gras unter seinen Pfoten, begann er ohne Vorwarnung die müde Truppe kräftig aufzumischen. Dabei benutzte Hermann die fiesen Tricks, mit denen er schon bei seinen Geschwistern außerordentlich erfolgreich gewesen war. Die Geräuschkulisse, die sich dabei entwickelte, war dann auch über alle Maßen mehr als aufschlussreich. Als einige der Welpen spitze Schmerzensschreie von sich gaben, weil Hermann sie zum wiederholten Mal zu Boden geworfen und danach über sie hinweggetrampelt war, wurde ich von den besorgten Besitzern gefragt, ob er zu der Kategorie „Kampfhund“ im wahrsten Sinne des Wortes gehören würde. Diese Frage konnte ich mit ruhigem Gewissen verneinen: „Aber was denken Sie denn? Hermann ist ein waschechter Neufundländer. Die Rasse hat wegen ihrer ruhigen, ausgeglichenen und liebenswürdigen Art allem und jedem gegenüber einen, ich möchte schon sagen, unübertroffenen Ruf in der gesamten Hundewelt.“ Und mit entwaffnendem Lächeln: „Steht so in jedem Sachbuch über Hunderassen.“ Aha, wieder etwas gelernt. So dachten wohl auch die Zweifler in dieser kompetenten Runde und sahen sich bedeutungsvoll an. Aber wie es so ist im wirklichen Leben, du kannst noch so viel Überzeugungsarbeit leisten, kommen dabei unter dem Strich keine vernünftigen Ergebnisse zustande, geht das Ganze „in die Hose“. Dabei spreche ich von jenem unglücklichen Hundekind, welches Hermanns ganze Aufmerksamkeit auf sich gezogen hatte und dementsprechend von ihm „durch die Mangel gedreht“ wurde. Mit den Worten: „Es gibt Dinge zwischen Himmel und Erde, die bedürfen dringender Korrekturen“ – versteckter Angriff auf Sachbuch – ergriff der Hundefreund in einem günstigen Moment aus dem Chaos von Köpfen, Beinen und Ohren seinen schreienden Welpen und verließ eiligst das Terrain.

Hermann fühlte sich ausgesprochen wohl im Kreise dieser munteren Kinderschar. Zweimal in der Woche besuchten wir die Krabbelgruppe. Im Laufe der Zeit allerdings lichteten sich die Reihen der Teilnehmer, während die Miene der Leiterin immer düsterer wurde, was wir uns ehrlich gesagt schlecht erklären konnten, bis zu dem Tag, der unser letzter im Kreise der munteren Welpenschar sein sollte. „Ich denke mal, euer Hermann hat meinen Laden genug durcheinandergewirbelt. Es wäre nun an der Zeit für ihn, mal eine Hundeschule von innen zu betrachten. Dort bekommt er all das beigebracht, was ihm leider an allem mangelt. Ich spreche da in erster Linie von Ordnung, Disziplin und sozialem Verhalten und das können Sie mir glauben, hat er mehr als nötig.“ Nach diesen mehr als deutlichen Worten überreichte uns die Übungsleiterin der Krabbelgruppenfraktion eine Visitenkarte mit Anschrift und Telefonnummer einer renommierten Hundeschule in Radevormwald, ganz in unserer Nähe.


Kapitel 6

Täuschte ich mich oder wechselte die Pädagogin wirklich kurz die Gesichtsfarbe, als wir wenige Tage später unseren Hund bei ihr zum Unterricht anmelden wollten. Die Buschtrommeln funktionierten also auch in der Einsamkeit des Bergischen Landes, der Ruf war uns bis hierher vorausgeeilt. Die ersten Stunden lief alles wunderbar. Hermann gab sich ganz ersichtliche Mühe, sein Image zu verbessern, und lernte in der Gemeinschaft von neun Mitschülern das „Einmaleins“ der Hundeschule. Auch wir waren überrascht über die angenehme Atmosphäre in dieser kleinen Gemeinschaft von Hundefreunden einerseits, und die weiträumige Kompetenz der Lehrgangsleiterin andererseits. War ich doch als alter und, wie ich immer von mir selber behauptet habe, erfahrener „Hundemann“ mit gewissen Vorbehalten Hundeschulen gegenüber, Hermanns Schulklasse beigetreten. Doch es war ganz offensichtlich, hier lernten Hund und Mensch Seite an Seite für ein langes gemeinsames Leben.

Ein halbes Jahr intensiven Trainings war vergangen, begleitet von Höhen und Tiefen, das von der Lernwilligkeit bzw. Umsetzung des Erlernten durch unseren vierbeinigen Hausgenossen bestimmt wurde. Mitte März 2007 war es dann endlich so weit, die „Abschlussprüfung“ stand bevor und so kamen nun alle zwei- und vierbeinigen Teilnehmer noch einmal zusammen, um das gemeinsam Erlernte einem breiten Publikum – Familienangehörige, Freunde, usw. – zu präsentieren. Eine etwas irritierte Märzsonne – gestern hatte es noch geschneit – schien etwas verschüchtert und nur mäßig warm zwischen schwarz-grauen Wolken auf uns hinab. Ein Hauch von Frühling lag in der Luft. Na prima, dann konnte es ja losgehen. Unter tosendem Beifall des Publikums absolvierten Mensch und Hund die Palette an Übungen, die der Anforderungskatalog der Hundeakademie vorgab. Zum Schluss wartete dann die schwierigste Übung, die so genannte Königsdisziplin, auf die Teilnehmer. Hierbei handelte es sich um das Abrufen des vierbeinigen Genossen, der laut Reglement bei einem Helfer im Sitzstatus so lange verweilen muss, bis er von seinem „Rudelführer“ mittels Kommando dazu aufgefordert wird, auf direktem Wege zu ihm zu kommen.

Während sich Mensch und Hund formierte, hatte sich auf dem Wanderweg der an unserer Übungswiese vorbeiführte, eine Gruppe Damen mittleren Alters genähert. Bekleidet mit farbenfrohen Trainingsanzügen, in jeder Hand eine „Gehhilfe“ in Form von Kunststoffstöcken, mit denen rhytmisch und im Takt auf die geliebte Bergische Scholle eingedroschen wurde, machten sich die Damen unter erheblichem Stimmenaufwand daran, an uns vorbei zu „walken“ – neudeutsche Bezeichnung für laufen. Genau zu diesem Zeitpunkt setzten wir die Kommandos an unsere Hunde ab und so nahm das Schicksal seinen Lauf.

Mit dem Ruf: „Hermann, komm h-i-i-i-i-e-e-e-r-r-hin zum Papa!!!“, nahm der Hund meines Vertrauens umgehend die Bergische Grasnarbe unter die Pfoten und bewegte sich in atemberaubendem Tempo auf mich zu. Mit ihm weitere acht Klassenkameraden, sichtlich bemüht, dem Ruf ihrer Rudelführer Folge zu leisten. Mit dem Gedanken: Na bitte, geht doch, ließ ich mich langsam hinunter auf die Knie, um meinen Musterschüler voll des Lobes in Empfang zu nehmen. Der war seinerseits nur noch wenige Meter von mir entfernt und kam, ohne sein Tempo wesentlich zu verringern, mit wehenden Schlappohren weiter auf mich zugerannt. Aus den Augenwinkeln konnte ich erkennen, dass auch Hermanns Mitschüler, gleichauf mit ihm, sich mit unverminderter Geschwindigkeit auf Kollisionskurs mit ihren Rudelführern befanden. Ehe ich mir darüber klar werden konnte, wie die Welt nach diesem Crash, denn darauf lief das Ganze ja wohl hinaus, für uns sein werden würde, stellte das Schicksal seine Weichen.

Kurz vor dem Zusammenprall von Mensch und Hund korrigierten unsere Vierbeiner ihren Richtungskurs, indem sie sich, einen kleinen Bogen schlagend, an uns vorbei auf die Damen von der Fraktion Breitensport zu bewegten. In der nächsten Sekunde erschütterte ein vielstimmiger Aufschrei des Entsetzens die beschauliche Ruhe in diesem idyllischen Winkel des Bergischen Landes. „Ach du Schei…!“ Der Anblick, der sich uns da bot, raubte mir für einen Augenblick die Überzeugung vom friedlichen Zusammenleben der Kulturen auf engen Räumen. Wie eine Horde blutrünstiger Indianer auf dem Kriegspfad umkreisten unsere Musterschüler ihre hilflosen Opfer und sorgten mit wütendem Gebell zusätzlich für Angst und Schrecken bei den Damen. Mit dem wenig überzeugenden Ausruf: „Die tun nix, die wollen nur spielen!“ – die Erklärung eines jeden Hundeführers, der die Kontrolle über seinen Vierbeiner verloren hat – versuchte ich nun leidenschaftlich argumentierend, die Situation zu retten. Einige der Damen ließen sich auch sehr schnell davon überzeugen, dass es sich bei dem vermeintlichen Überfall unserer Hunde um keine böswillige Attacke, sondern lediglich um jugendliche Neugier gehandelt hatte.

Nun muss ein jeder wissen: Ich bin mit absoluter Sicherheit nicht der größte Diplomat, den dieses Land hervorgebracht hat. Freunde sowie Kritiker vergleichen die Qualität der zwischenmenschlich-sozialen Kommunikation, die ich zu praktizieren pflege, mit dem Verhalten eines Schützenpanzers. Unnachgiebig und stur, aber immer geradeaus und ehrlich, kommt keine Einigung zustande, dann „Bumm“. Mit einer solchen Verhaltensweise, und das weiß ich selber sehr wohl, hat man nicht nur Freunde auf dieser Welt. In diesem Fall war selbst mir bewusst, dass nur ein hohes Maß an Fingerspitzengefühl, sowie die Bereitschaft für Zugeständnisse, diese prekäre Situation aus der Welt schaffen konnte. Schließlich ging es um nichts Geringeres als die Ehrenrettung der hier anwesenden Beteiligten. Und wirklich, je länger ich redete, desto freundlicher wurden die Gesichter der Damen, einige zeigten sogar den Anflug eines Lächelns. Uff, geschafft, Diplomatie richtig angewandt, ist wirklich eine feine Sache und selbst in einer nicht gerade einfachen Situation, wie diese hier, gut zu verwerten. Selbstzufriedenheit stieg in mir auf und mit dem guten Gefühl, die Sache „voll im Griff“ zu haben, wagte ich einen verstohlenen Blick zu Hermann und den Meisterschülern. Diese waren während meines Plädoyers von ihren Rudelführern per mündlicher Anweisung zurückbeordert worden und saßen nun abwartend im Kreise ihrer Familien brav „bei Fuß“, als wäre es das Selbstverständlichste auf dieser Welt. Meine liebe Frau entdeckte ich am Ende der Reihe, allerdings mit säuerlichem Gesichtsausdruck und ohne unseren Hund. Was? Wieso ohne Hund? Wo war Hermann?

Gerade als ich mich intensiv mit dieser Frage beschäftigen wollte, erscholl hinter meinem Rücken ein wütender Aufschrei: „Was macht das blöde Vieh da mit meinem Stock?“ Es mag merkwürdig klingen, aber irgendwie hatte ich das Gefühl, dass diese Frage nur ich beantworten konnte. Gleichzeitig fühlte ich fast körperlich die Katastrophe mittleren Ausmaßes, die unaufhaltsam, aber zielstrebig auf mich … „Hermann, gib dem Papa sofort den Stock!! Sei ein lieber Junge und mach fein „AUS!!!“ Was war passiert? Während ich damit beschäftigt war, die Wogen des Unmutes wieder zu glätten, hatte Hermann die Gunst der Stunde genutzt und einen Stock als Beute konfisziert. Aus der Sicht des Hundes völlig korrekt. Der saß nun in kurzer Entfernung vor mir und bearbeitete seine Beute mit den Zähnen, mit dem Ziel, diese weich zu kauen.

Langsam war ich in die Hocke gegangen und versuchte nun leise fluchend, mit der ausgestreckten rechten Hand den Walkingstock aus Hermanns Maul zu hebeln. Nun wissen wir alle, wie emsig und ausdauernd ein Neufundländer sein Ziel verfolgt, das er sich selbst gesetzt hat. Ein kurzer Blick auf das Logo verriet mir den Hersteller und ansatzweise die Preisklasse des Sportgerätes. Schweißperlen bildeten sich auf meiner Stirn, schnelles Handeln war nun angesagt. Als könnte Hermann Gedanken lesen, begann er nun sofort damit, den Sicherheitsabstand zwischen mir und ihm zu vergrößern. Ich solchen Situationen, ich robbte allmählich auf allen vieren hinter meinem Hund her, verfluchte ich die Tage, an denen mir mein Großvater vor fünfzig Jahren rührselige Geschichten über Neufundländer und deren Großtaten im Dienste der Menschheit erzählt und somit schon damals, als ich Kind war, mein Interesse an dieser großartigen Rasse geweckt hatte. So zog dann reichlich spät, aber immerhin im Jahre 1988, der erste Neufundländer namens Balou bei uns ein. Und wenn jetzt, knapp zwanzig Jahre später, dieses Muster an Sturheit und Ungehorsam namens Hermann so weitermachte wie bisher, wird er mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit auch der letzte gewesen sein. So dachte ich in meiner Wut und Hilflosigkeit.

Währenddessen, das Stimmengewirr war hinter mir immer lauter geworden, hatte ich es irgendwie geschafft, etwas näher an Hermann heranzukommen. „Jetzt pass mal auf, mein Schatz, die Tante da hinten, die so laut schreit, ist gehbehindert und braucht diesen dämlichen Stock, um sich darauf abzustützen, ansonsten fällt sie nämlich auf ihr großes M… Ich gäbe dir vollkommen Recht, wenn du mir jetzt sagen würdest, dass dann endlich diese dämliche Schreierei zu Ende wäre. Aber damit hätten wir doch nichts bewiesen, oder? Deswegen sei ein folgsamer Hund und gib dem Papa endlich diesen blöden Stock!“ Aufmunternd streckte ich Hermann beide Hände entgegen und wartete geduldig auf die Reaktion meiner Ansage. Ich musste nicht lange warten, nach einem prüfenden Blick in meine Augen, so ganz nach dem Motto: ‚Na gut, wenn du meinst, wird mir eh zu langweilig, dieses blöde Spiel‘, öffnete er das Maul und ließ den Stock in meine Hände fallen. Ich atmete auf, na bitte, geht doch. Sprich mit deinem Hund in ganzen Sätzen, dann versteht er dich auch.

Der glückliche Ausgang dieser Geschichte änderte nun leider nichts an der Tatsache, dass sich das Sportgerät in einem äußerst desolaten Zustand befand. Die Handschlaufe aus feinstem Leder war durchgekaut, Herstelleraufschrift und Logo den spitzen Junghundzähnen zum Opfer gefallen und als ob das alles nicht schon schlimm genug gewesen wäre, klebte schleimiger Sabber auf der gesamten Länge des Stockes. Ich holte tief Luft, nahm den Stock und wandte mich mit entwaffnendem Lächeln – so glaubte ich jedenfalls – den Damen zu, setzte dabei wiederum alles auf die viel gepriesene Diplomatie. Schnell wurde mir aber klar, dass diese Art der Konversation von den Damen dieses Mal nicht mitgetragen werden wollte. Allen Beteuerungen zum Trotz wurde ich verbal niedergemacht. Vorneweg die Geschädigte, den Abschluss bildete der Rest der Wei…schar. Ich weiß nicht warum, aber in diesem Augenblick, als ich in die wutverzerrten Gesichter blickte, reproduzierte mein Gedächtnis die wohl mit bekannteste Strophe aus Schillers Glocke: „Da werden Weiber zu Hyänen …“ und später dann weiter mit: „Wehe, sind sie losgelassen …“. Ja, ja, der Meister wusste schon vor zweihundert Jahren, wovon er sprach.

Allmählich wurde es mir jetzt nun doch zu blöd, eine Entscheidung musste her. Tief holte ich Luft: „AUS“!!! Ich gebe zu, mit dieser gebrüllten Anweisung hatte ich der Diplomatie den Rücken gekehrt, aber der Zweck heiligt nun mal eben die Mittel, es wurde still. Die Gunst der Stunde nutzend, entschuldigte ich mich nochmals bei der Geschädigten und bot ihr großzügigen Schadenersatz an. Die hatte aber sehr schnell ihre Sprache wiedergefunden und machte sofort da weiter, wo ich sie vor wenigen Augenblicken unterbrochen hatte. Die erneute Verbalattacke gipfelte nun in Beschimpfungen wie: „Blöder Köter und alte Töle.“

Nun reichte es mir wirklich und ich begriff: Die Dame wollte Krieg. Na gut, den konnte sie haben. Ich setzte ein letztes versöhnliches Lächeln auf – Tarnung muss sein – und bereitete meinen Angriff vor: „Wie oft soll ich mich denn noch entschuldigen? Wenn Sie möchten, mach ich das auch persönlich. Hier, schauen Sie bitte her, ich gebe Ihnen meine Hand darauf“, sprach’s und winkte zu ihr rüber. Wer mich kennt, der ahnt sehr wohl, wie schwer mir diese Worte gefallen waren, aber sie verfehlten ihre Wirkung nicht. Zögernd und mit hochrotem Gesicht bewegte sich die Zeitgenössin auf mich zu, bis sie dicht vor mir stehen blieb. „So, hier bin ich und was nun? Was möchten Sie mir denn so gerne sagen?“ Die Stimme triefte förmlich vor Arroganz und Überheblichkeit. Ich drehte mich zu allen Seiten und grinste zufrieden. Die Umstehenden waren außer Hörweite, meine Revanche begann: „Tja, in der Tat, Sie sind ja wirklich nicht zu übersehen, Sie Sportskanone, Sie. Obwohl, wenn ich Sie so recht betrachte, bin ich schon der Meinung, dass Kanone eigentlich reichen würde. Ansonsten, wenn ich Sie so anschaue, haben Sie ja wohl mit Sport nichts weiter allgemein.“ Nach diesen Worten musterte ich die Dame überdeutlich von Kopf bis Fuß, dann rollte mein zweiter Angriff: „Wussten Sie eigentlich schon, dass permanentes Meckern und Nörgeln die Haut altern lässt, hässlich macht und Frustessen erzeugt? Wenn nicht, dann schauen Sie doch mal in den Spiegel und stellen sich auf Ihre Waage, wenn Sie gleich nach Hause kommen. Und danach, wenn Sie das getan haben, denken Sie an meine Worte und seien Sie ehrlich zu sich selbst, spätestens dann werden Sie erkennen müssen, die Wahrheit kann sehr grausam sein.“ Ich drehte mich um, „ach so, fast hätte ich es vergessen, einen schönen Tag wünsche ich Ihnen noch“, und zu Hermann gewandt: „Komm, mein Junge, wir haben hier fertig.“ Mit diesem Zitat eines großen italienischen Sportsmannes machte ich auf dem Absatz kehrt und schritt langsam zu unserer Gruppe zurück. Hermann, und das verblüffte mich nun doch, erfüllte hierbei das Kommando „Fuß“ mehr als vorbildlich…

 


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